3. Gestalttheoretische Grundlagen |
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3.5. Das Lebensraumkonzept von Kurt LEWIN |
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Ein umfassendes Konzept der menschlichen Persönlichkeit, in dem die "Tendenz zur guten Gestalt" als Selbstorganisationsprinzip eine zentrale Rolle spielt, stellt die von LEWIN (1963) entwickelte Feldtheorie vom Lebensraum des Menschen dar. Ausgehend von der phänomenalen Welt des Menschen umfaßt der Begriff des Lebensraumes alle Aspekte, welche eine Person und ihre erlebte Umwelt zu einem bestimmten Zeitpunkt ausmachen. Diese Aspekte beeinflussen als bewußte oder auch nicht bewußte Kräfte bzw. Aufforderungscharaktere im Lebensraum das Erleben und Handeln des Menschen. |
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Nach LEWIN ist dabei der Lebensraum als ein Feld zu betrachten. Im Sinne EINSTEINs stellt ein Feld eine Gesamtheit gleichzeitig bestehender Tatsachen dar, die als gegenseitig voneinander abhängig begriffen werden. Beispiele für die Anwendung des Feldbegriffes in der Physik sind das Magnetfeld oder das Gravitationsfeld. In einem Feld gibt es keine völlig isolierten, unabhängig voneinander bestehenden Bereiche. Das bedeutet, daß eine Veränderung an einer Stelle des Feldes Veränderungen an allen anderen Stellen nach sich ziehen kann. Das psychische Feld stellt jenen Ort dar, an dem die Prägnanztendenz und die Gestaltgesetze wirksam werden können. |
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METZGER (1975a) zieht einen Vergleich zwischen der Systemtheorie des Organismus von v. BERTALANFFY (1957) und gestalttheoretischen Konzepten, wie dem Lebensraumkonzept von LEWIN, und kommt zu dem Schluß, daß beide Theorien ihrer Natur nach Feldtheorien sind. Der Begriff des "offenen Systems" v. BERTALANFFYs findet bei LEWIN im Begriff des "psychischen Feldes" seine Entsprechung, dem Begriff des "Fließgleichgewichtes" entspricht der Begriff des "quasi-stationären Gleichgewichtes". |
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| WALTER stellt dazu fest: | ||||
| "Diese Charakterisierung impliziert nicht nur die Fähigkeit des Menschen, trotz ständiger Aufnahme neuer Phänomene in sein psychisches Feld sein Identitätsbewußtsein zu wahren, sondern auch die Fähigkeit, sich unter Wahrung seines Identitätsbewußtseins zu verändern" (WALTER, 1985b). | ||||
| Je differenzierter und komplexen der Lebensraum eines Menschen strukturiert ist, um so besser wird der Mensch dazu imstande sein, sich situationsgemäß zu verhalten und in der Welt zurechtzukommen. Eine Persönlichkeit mit undifferenzierten bzw. primitivprägnanten Strukturen hingegen kann der komplexen Wirklichkeit kaum gerecht werden und ist leichter aus der Balance zu bringen (Lebensraumdimension der "Undifferenziertheit-Differenziertheit"). | ||||
| In der Lebensraumdimension "Unordnung-Ordnung" geht es um den Organisationsgrad des Lebensraumes, der im günstigen Fall komplex, im ungünstigen Fall unnötig kompliziert strukturiert ist, was sich z. B. in double-bind-Kommunikation (BATESON und andere, 1956) und paradoxer Kommunikation (WATZLAWICK und andere, 1969) äußern kann. Ein angemessener Organisationsgrad des Lebensraumes, in dem ausreichend viele Teilbereiche zu einer Einheit zusammengefaßt werden können, stellt eine Voraussetzung für zielgerichtetes und strukturiertes Handeln dar. | ||||
| LEWINs Deskriptionsdimensionen "Enge-Weite" und "Flüssigkeit-Rigidität" stellen weitere wichtige Charakteristika des Lebensraumes dar. Entwicklungspsychologisch läßt sich beobachten, daß die Reichweite der gleichzeitig im Bewußtsein verfügbaren Zeitspanne von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignissen mit dem Alter eines Kindes zunimmt. Der Grad der "Flüssigkeit" beschreibt die wechselseitige Durchlässigkeit der verschiedenen Lebensraumbereiche. | ||||
| Weitere wichtige Dimensionen des Lebensraumes des Menschen beschreibt LEWIN (1963) mit der Realitäts-Irrealitätsdimension und der Zeitperspektive: | ||||
| Unter dem Begriff der Realitäts-Irrealitätsdimension unterscheidet LEWIN die Ebene der Handlungen als Bereich der Realitätsschicht von der Ebene der Wünsche und Träume als Bereich der Irrealitätsschicht. Ein Bedürfnis wird als Spannungssystem im innerpersonalen Bereich des Lebensraumes angesehen, welches das Verhalten organisiert; die Hierarchie der Bedürfnisse ist durch die entsprechenden Stärken der Kraftvektoren gegeben. Der Begriff der Erwartung ist auf die Realitätsebene der antizipierten Zukunft bezogen, der Begriff der Hoffnung bzw. Befürchtung auf die Irrealitätsschicht bzw. auf ein bestimmtes Verhältnis von tatsächlich erwarteten Ereignissen zu Wünschen oder Ängsten. | ||||
| LEWINs Konzeption der "Zeitperspektive" ist Grundlage des "Hier-und-Jetzt-Prinzips", das ursprünglich als spezifisches Merkmal der von LEWIN und Mitarbeitern entwickelten Gruppendynamik in den 40er Jahren in den Vereinigten Staaten galt. In einer bestimmten Situation sind in der Zeitperspektive alle Zeitaspekte enthalten: die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft. Die Gegenwart spiegelt sich im momentanen Erleben von Gefühlen, Körperempfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken usw. wider, die Vergangenheit im gegenwärtigen Erleben von Erinnerungen an Vergangenes, die Zukunft in antizipierten Zukunftsvorstellungen. Aus der Sicht des feldtheoretischen Ansatzes kann der Einfluß der Vergangenheit auf die Gegenwart niemals ein direkter sein ("historischer Ursachenbegriff"); die Vergangenheit kann ja in der Erinnerung nicht "wiedererstehen". Die Wirkung der Vergangenheit ist jedoch insofern indirekt vorhanden, als Erinnerungen - seien sie bewußt oder auch nicht bewußt - im gegenwärtigen psychischen Feld der Therapiesituation Feldkräfte des Lebensraumes darstellen und als solche Einfluß auf das Erleben und Verhalten ausüben ("systematischer Ursachenbegriff”). | ||||
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