Wie sie am besten scheitern und sich dabei
trotzdem wohler fühlen.
Von Heinz Dieter Stauss |
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| Das Credo der westlichen Industriegesellschaften
lautet: "Hol aus deinem Leben heraus, was du kannst!" Wer einen
Job hat, erfüllt diesen Glaubensgrundsatz. Wer keinen hat, gehört
nicht zu den Überholern. |
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| Einmal ehrlich: Haben Sie nicht stets auf Ihre
Lehrer gehört? Waren Sie von den Vortragenden auf den Selbstfindungsseminaren,
die Sie so eifrig besuchten, nicht begeistert? Und dann wundern
Sie sich, warum Sie keinen Job finden, warum Sie nicht zu den
Machern gehören, die aus einer Garagenfirma einen Weltkonzern
hochgezogen haben, ohne je ein einziges Buch gelesen zu haben?
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| Eine der schlechtesten Voraussetzungen, die Sie
für die Arbeitssuche mitbringen können, ist diejenige, überhaupt
eine Stelle zu brauchen. Sie bekommen keinen Job, weil Sie keinen
haben. |
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| Haben Sie nämlich keinen Traumjob bei einer erfolgreichen
Firma mit Entwicklungspotenzial und kreativem Betriebsklima,
stehen Ihre Chancen auf eine Anstellung bereits ziemlich schlecht.
Denn: Nur glückliche und erfolgreiche Menschen sind schön und
interessant. |
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| Nur wenn Sie beruflich (und privat) erfüllt sind,
sind Sie attraktiv für andere Arbeitgeber (und andere Geschlechtspartner).
Nur wenn Sie Coolness ausstrahlen, will Sie jeder haben.Es gibt
also, sollten Sie keinen Traumjob haben, zwei Möglichkeiten.
Erstens: Sie arbeiten in einer weniger tollen Firma, mit der
persönlichen Entwicklung sieht es schlecht aus. |
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| Zweitens: Sie arbeiten nicht oder investieren
Ihre Hoffnungen in zweifelhafte Ausbildungen, damit Sie davon
abgelenkt sind, dass es Ihnen im Grunde ziemlich dreckig geht.
In beiden Fällen wirken Sie nicht sehr attraktiv auf den Arbeitgeber
in spe. |
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| .Je weniger Sie verzweifelt versuchen, einem Job
nachzulaufen, den Sie ja doch nicht bekommen können, desto eher
stellt sich Ihr psychisches Wohlbefinden wieder ein. Hören Sie
auf, gegen Windmühlen anzukämpfen. |
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| Und glauben Sie nicht daran, dass sich die Situation
am Arbeitsmarkt eines Tages bessern könnte: In wenigen Jahrzehnten
werden sämtliche Produkte des täglichen Lebens in den Sweatshops
der Billiglohnländer hergestellt werden, und in den alten Industriegesellschaften
wird man den Leuten Geld dafür geben, dass sie nicht arbeiten
gehen. Motto: Die Arbeitsleistung, die für den "Markt" von größtem
Interesse ist, ist jene, die eingespart werden kann |
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| Befreien Sie sich also vom Zwang, eine unlösbare
Aufgabe bewältigen zu müssen, und gestalten Sie Ihre Bewerbung
so, dass Ihr Selbstbewusstsein nicht noch weiter vergewaltigt
wird. |
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| Hier sind fünf Tipps, die Ihnen zwar keinen Job
verschaffen, Ihnen aber ein Stück Kontrolle zurückgeben: Nun
wissen Sie wenigstens, warum es nicht klappt. |
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| 1. Bewerbungsschreiben: Vergessen Sie Parolen
wie: "Man sollte immer mindestens zehn Bewerbungen laufen haben."
In Zukunft soll gelten, dass Sie die Anzahl anhängiger Bewerbungen
danach richten, wie viele Absagen Sie innerhalb eines bestimmten
Zeitraums ertragen können. |
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| 2. Lebenslauf: Keine Angst vor unrichtigen Angaben!
Schließlich sind die meisten Bedingungen, auf die Sie sich als
Bewerber einlassen, eine Farce: "Wir wenden uns an Hochschulabsolventinnen
im Alter von ca. 25 Jahren mit überdurchschnittlichem Studienergebnis,
drei Jahren Auslandspraxis, vertieften Kenntnissen in mindestens
drei Fremdsprachen und Erfahrung im gehobenen Management." |
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| Sollten Sie zu den 0,001 Promille der Stellensucher
mit diesen Qualifikationen zählen, wird Ihnen das Abwimmeln
der Headhunter ohnehin ausreichend Spaß bereiten. Den anderen
Jobaspiranten kann nur ein kreativer Umgang mit ihrem Qualifikationsprofil
empfohlen werden. |
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| Anmerkung für tatsächlich Arbeitswillige: Ersetzen
Sie die Formulierung "Curriculum Vitae" durch den ordinären
"Lebenslauf". Es könnte Ihnen nämlich passieren, dass Ihr hoch
entwickeltes CV auf dem Schreibtisch eines Vorgesetzten mit
einem weniger hoch entwickelten Wissen in Bezug auf die lateinische
Sprache landet und Sie aufgrund dieses gefährlich anmutenden
Begriffs sofort als Besserwisser angesehen werden. Und flugs
im Papierkorb landen. Welcher Chef möchte schon Mitarbeiter,
die gescheiter sind als er selbst? |
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| 3. Persönliche Daten: Die Altersangabe sollte
dem gewünschten Job angepasst werden. So wenden sich Stellenanzeigen
von Werbeagenturen grundsätzlich nur an Kandidaten zwischen
17 und 21 Jahren. |
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| Nur in dieser Altersgruppe können Sie sich als
echter "Trendscout" betätigen. Ebenso empfehlenswert ist es,
sich als hochmotivierten Twen darzustellen, wenn es um eine
Position in der Consultingbranche geht. |
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| Es macht einfach viel mehr Spaß, als selbstverliebter
Mittzwanziger einem verunsicherten Abteilungsleiter in den Hintern
zu treten, der sein sauer verdientes Geld aus Angst um den Arbeitsplatz
in eine teure Beratung steckt. Sobald Sie über 30 sind, sind
Sie für diesen Job nicht mehr geeignet - Sie könnten Mitleid
mit Ihren Klienten haben. |
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| Weiters sollten Sie berücksichtigen, dass es für
Berufe im Verkauf von Vorteil ist, wenn Sie mit einer Familie
gesegnet sind, also die Rückzahlungen für Reihenhaus, Kombi
und Kinderzimmer am Hals haben. Nur so sind Sie ausreichend
motiviert, um mit dem Killerinstinkt des erfolgreichen Verkäufers
Ihre Umsatzvorgaben zu bewältigen. |
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| 4. Geschlecht: Frauen sind die besseren Manager.
Versuchen Sie als Mann erst gar nicht, sich an den weiblichen
Soft Skills der charmanten und dabei trotzdem hartnäckigen Verhandlungstaktik
abzumühen, lernen Sie lieber Ihren Posten im mittleren Management
mit Zähnen und Klauen gegen die Rationalisierung zu verteidigen.
Oder finden Sie sich damit ab, die Kinder aufzuziehen, während
Ihre Frau von Vorstandssitzung zu Pressekonferenz jettet. |
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| 5. Ausbildung: Die beste Ausbildung ist, gar keine.
Dann haben Sie wenigstens keine falsche. Haben Sie eine Ausbildung,
haben Sie nämlich immer die falsche. Haben Sie zu viel Ausbildung,
sind Sie gefährlich: Sie könnten Ihren Chef aushebeln. Oder
Sie könnten eines Tages einen besseren Job annehmen und sich
damit in den Augen Ihres jetzigen Vorgesetzten für den Rest
Ihres Lebens vor Gott und den himmlischen Heerscharen versündigen. |
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| Tipp: Sparen Sie sich sämtliche Angaben zum zweiten
Bildungsweg. Sie werden dafür belächelt werden, wie Sie mit
Rhetorikseminaren auf der Volkshochschule verzweifelt versucht
haben, Ihre vermurkste Karriere zu retten. |
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| Wenn Sie glauben, gegen Hardcore-MBAs, denen mit
25 Jahren schon in mehreren Konzernmanagements fad wurde, mit
einem nebenberuflichen Studium in Völkerkunde punkten zu können,
können Sie sich gleich für unmündig erklären lassen. |
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| Wir lernen also, dass es keinen Sinn macht, selbst
Wein zu predigen, wenn man nur Wasser zu trinken bekommt. Ändern
Sie lieber Ihre Einstellung, anstatt zu versuchen, sich selbst
zu ändern. Arbeitslose aller Länder, vereinigt euch! |
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| Heinz Dieter Stauss, geboren 1972, Ausbildung
als Fotograf, Studium der Kommunikationswissenschaft an der
Uni Wien, seit zwei Jahren immer mehr ernüchterter Arbeitssuchender |
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| Der Standard. Printausgabe, 8. 4 2004 |
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