|
|
| Armutskonferenz wie noch nie - mit den originalen
ExpertInnen der Armut |
|
| |
|
Sichtbar werden. Zu Wort kommen
|
|
"Wir wollen nicht nur essen.
Wir wollen essen und Liebe machen.
Wir wollen das Ganz und nicht nur die Hälfte.
Wir wollen nicht nur Glück ...
wir wollen Glück und Arbeit.
Gleiche Privilegigien für alle!" |
|
| maiz |
|
| |
|
| Es war das erste sonnige Frühlingswochenende.
Es war das Wochenende, an dem im Wirtschaftsteil der Zeitungen
Meldungen wie diese zu lesen waren: "Industrie jubelt über
gute Konjunkturlage" (Standard, 22./23. 4. 06). Es war
das Wochenende, an dem das erste österreichische Treffen
armutsgefährdeter und -betroffener Frauen und Männer
und deren Selbsthilfeorganisationen unter dem Titel "Sichtbar
werden!" stattfand. Wäre eine Außenstehende
zu dem bunten Treiben gestoßen, hätte sie sich möglicherweise
gewundert. Da saßen Leute in adrettem Kostüm, Anzug
und Krawatte und solche mit ausgebeulten, abgetragenen Klamotten
einträchtig nebeneinander und diskutierten angeregt. Dazwischen
wurde gegessen (gekocht haben die Leute von Pool
7, einem sozialökonomischen Projekt zur Rehabilitierung
Suchtkranker), gelacht und Theater gespielt. Das Thema war schwierig,
die Stimmung aber trotzdem leicht. "Viele leben von der
Armut - SozialarbeiterInnen oder Angestellte diverser Sozialprojekte
und Ämter", meinte in erfrischend selbstkritischer
Sicht Michaela Moser, eine der OrganisatorInnen des Treffens
und Mitarbeiterin des Netzwerks Armutskonferenz.
"Diesmal soll es anders sein und von Armut Betroffene sollen
selbst zu Wort kommen." |
|
| |
|
| Dass dieses Konzept aufgegangen ist, bestätigte
eine Straßenzeitungsverkäuferin aus Linz, die bereits
bei mehreren Treffen der Armutskonferenz dabei gewesen ist:
"Sonst gab es immer Fachleute, die gescheit dahergeredet
haben, so dass wir sie gar nicht verstanden haben, und wir -
diejenigen, um die es ging - sind gar nicht zu Wort gekommen.
Dieses Mal war es anders." Finanziell unterstützt
wurde das Treffen vom Bundesministerium für soziale Sicherheit,
Generationen und Konsumentenschutz, was bei einigen BesucherInnen
für Irritation sorgte. Schließlich verdankt sich
die soziale Unsicherheit der hier Versammelten ja direkt der
dort betriebenen Politik. Es drängt sich der Verdacht auf,
dass es sich bei der Unterstützung für ein solches
Treffen um eine ministerielle Feigenblattaktion handelt, zu
der man sich angesichts von EU-Vorgaben zur Armutsbekämpfung
gezwungen sieht. Hier saßen die Leute, die Auswirkungen
einer "Geiz ist geil" Politik tagtäglich am eigenen
Leib zu spüren bekommen: Arbeitslose, AsylwerberInnen,
AlleinerzieherInnen, MigrantInnen, SozialhilfeempfängerInnen,
Menschen mit psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen,
Obdachlose, StraßenzeitungsverkäuferInnen, Working
Poor und Prekäre. Alle diese Menschen lassen sich ebenso
wenig über einen Kamm scheren wie andere Bevölkerungsgruppen
auch. |
|
| |
|
Von AMSand bis Grau & Schlau
|
|
| Umso bemerkenswerter die Angstrengung, sie alle
in persönlichen Kontakt zueinander gebracht zu haben und
auch für ein entsprechendes Drumherum zu sorgen: nämlich
Essen, Übernachtung, Kinderbetreuung und Übersetzung.
Armut hat viele Gesichter. Sie trifft unterschiedlichste Menschen,
die nach den gängigen Kriterien einer Hochleistungsgesellschaft
nicht richtig funktionieren, aber auch solche, die einfach nicht
mehr gebraucht werden. Das seit Jahr und Tag gedankenlos nachgebetete
Argument, dass nur schlecht ausgebildete Menschen von Arbeitslosigkeit
und in der Folge von Armut betroffen seien, wurde hier ein weiteres
Mal widerlegt. Ältere gut qualifizierte Arbeitslose in
Salzburg gründeten beispielsweise den Verein "Grau
und Schlau", mit dem Ziel, sich gegenseitig bei der
Arbeitssuche zu unterstützen. In Linz ist bereits seit
vielen Jahren der Verein "Arbeitslose
helfen Arbeitslosen" aktiv. |
|
| |
|
|
Beide Vereine entwickelten sich übrigens aus AMS-Kursen
für ältere Arbeitslose. In Wien trifft sich die
Arbeitslosengruppe "AMSand"
jeden Dienstagabend im Amerlinghaus. Die Selbstorganisation
arbeitsloser Frauen ist dringend geboten, denn in den meisten
Arbeitslosengruppen scheinen ältere Männer zu dominieren.
Eine Initiative, die versucht, aus der Bahn geworfenen Menschen
wieder auf die Beine zu helfen, ist die "Selbsthilfegruppe
für Menschen in schwierigen Lebenssituationen",
kurz "SHG_fMisL"
genannt. Anstrengend ist die Situation vieler AlleinerzieherInnen.
Wie zu erfahren war, bezahlt in schockierenden 70 Prozent
der Fälle der Vater der Kinder keinen Unterhalt. Aufgeräumt
wurde auch gleich mit einem weiteren Klischee: "Dass
Mütter so scharf auf Teilzeitjobs sind, stimmt nicht!",
stellt eine Alleinerzieherin klar. "Da werden die Mütter
von den PolitikerInnen vorgeschoben."
|
|
| |
|
| Nicht jede Alleinerzieherin übersteht diesen
Stress unbeschadet. Folgerichtig wurde etwa von einer Psychiatriebetroffenen
eine Vernetzung angeregt. Eine einhellige Forderung bestand
nach besseren Informationen und nach unbürokratischer Hilfe
in Notsituationen. Besonders MigrantInnen und AsylantInnen haben
es aufgrund mangelnder deutscher Sprachkenntnisse oft schwer,
ausreichende Infos über soziale Leistungen zu erlangen.
Sie befinden sich in einem tagtäglichen erschöpfenden
Balanceakt zwischen der endlosen Warterei auf diverse Zettel
und Papiere, sei es Asylbescheid, Niederlassungsbewilligung,
Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigung, und der Notwendigkeit,
irgendwie zu überleben und die Kinder großzuziehen.
Zugleich zeigte sich eine Migrantin fassungslos darüber,
wie´s manchen Einheimischen geht: "Ich bin entsetzt
darüber, wie der österreichische Staat mit den eigenen
Leuten umgeht, das hätte ich mir nie gedacht!" In
der Schlussrunde sprudelte es nur so von Verbesserungsvorschlägen:
Gratiskindergarten für alle, Freifahrt für Obdachlose,
keine AMS-Zwangskurse, gleiche Krankenbehandlung auch für
SozialhilfeempfängerInnen, die Errichtung einer zentralen
Anlaufstelle für soziale Belange, Grundeinkommen für
alle ... |
|
| |
|
| Im September wird ein weiters Treffen in Linz
stattfinden. Vielleicht wird es dort möglich sein, auch
nach außen hin sichtbar zu werden. Sei es durch eine Demo,
eine Kunstaktion oder andere Formen des öffentlichen Auftretens,
denn im stillen Kammerl zu diskutieren, das kann ja erst ein
Anfang sein. Und hoffentlich sind in Linz dann auch diejenigen
mit dabei, die diesmal leider gefehlt haben: arbeitslose Jugendliche
und die MindestrentnerInnen. |
|
| |
|
| Elisabeth Malleier |
|
| |
|
| AUGUSTIN,
Nr. 181, Mai 06, S. 13-14 |
|
| |
|
|