Peter Gach

WeltWeites Wissen  
   
Heraklit hatte recht: Man kann nicht zweimal im selben Internet surfen. Schier unerschöpfliche Quellen sorgen ständig für neuen Nachschub. Ob Wasser oder Informationen - alles ist ständig im Fluss.  
   
Das Wissen der Menschheit beschränkt sich keineswegs bloß auf die Erkenntnisse einiger weniger Philosophen aus dem antiken Griechenland, vielmehr war es immer schon einem ständigen Wandel unterworfen, bis hin zum gegenwärtigen Stand der Dinge. Damit hat sich im Laufe der Zeit eine ganze Menge an Wissen angesammelt, welches im günstigsten Fall als Grundlage für weitere Erkenntnisse dienen kann. Lange Zeit wurde dieses wertvolle Gut der Menschheit fast ausschließlich in Bibliotheken konserviert, womit es für die breite Öffentlichkeit schlicht unzugänglich war, oder aber es wurde in bisweilen nur sehr schwer verständlichen Fachpublikationen herausgegeben. Dies änderte sich schlagartig mit der epochalen Erfindung des Internet. Wenn uns das Medium Internet auch noch so modern und heavy erscheinen mag, so baut es doch auf einer langen Tradition auf und ist keineswegs so geschichtslos, wie es manchem erscheinen mag.  
   
Blick zurück nach vorn  
   
Während die alten Griechen das Zählen noch vertrauensvoll den Sklaven überließen, erfanden u. a. die Römer bereits den abacus, womit das Rechnen erheb-lich erleichtert wurde.  
   
Ab 1275 entwickelte der katalanische Mystiker und Missionar Raimundus Lullus (Patron von Mallorca, Hl. für Rat und Schutz, kath. Gedenktag: 3. Juli) die Ideen zu einer logischen Maschine (Zairja), die er in seinem Werk Ars magna beschrieb. Angeregt von den mathematischen Methoden der Araber, entsprang die Konstruktion dem Wunsch nach einer schematischen Erzeugung wahrer Aussagen. Durch systematische Anordnung von Begriffen sollte zu einer übersichtlichen Erkenntnis und in weiterer Folge zu einer Beweisführung der christlichen Glaubenslehre gelangt werden: Damit wollte Raimundus Lullus nicht mehr und nicht weniger als die Muslime von der Wahrheit der christlichen Lehre zu überzeugen. Auf seiner letzten Missionsreise wurde er gesteinigt und erlag den schweren Verletzungen auf der Schiffsreise zurück in seine Heimat.
Raimundus Lullus
Raimundus Lullus
   
1623 baute der deutsche Mathematiker Wilhelm Schickard eine Rechenmaschine. Schickard war mit Johannes Kepler befreundet und wußte daher, wieviel Zeit der berühmte Astronom - und Astrologe Wallensteins - bei seinen nächtelangen Berechnungen endloser Zahlenkolonnen verbrachte. Daher konstruierte er eine sechsstellige Addier- und Subtrahiermaschine, die Kepler dann auch bei seinen astronomischen Berechnungen einsetzte. Leider wurde die Maschine kurze Zeit nach ihrer Fertigstellung durch Feuer zerstört.
Wilhelm Schickard
Wilhelm Schickard
   
1642 baute der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal im zarten Alter von 19 Jahren eine mechanische Rechenmaschine, mit der die einfachen Grundrechenarten durchgeführt werden konnten. 1645 konnte diese Machine Pascaline erstmals zum Kauf angeboten werden.
Blaise Pascal
Blaise Pascal
   
Gottfried Wilhelm Leibniz, vermutlich der letzte Universalgelehrte, erfand das duale Zahlensystem, bei dem nur zwei Ziffern benutzt werden, 0 (nicht besetzt) und 1 (besetzt). Leibniz kam über die geistige Auseinandersetzung mit der Religion zu diesem Zahlensystem. Seine Devise: Ohne Gott ist nichts. Für Gott setzte er die 1 und für das Nichts die 0. Leibniz beschäftigte aber auch die Sprache und er erkannte, daß sie ständig Fehler zuläßt. Weiter gedacht: Verständigungsschwierigkeiten führen zu Konflikten. Leibniz versuchte, die Auslöser von Konflikten zu minimieren, ja ganz zu beseitigen. Dabei ging er von der Annahme aus, daß unser Denken eigentlich ein Rechenvorgang sein müßte. Damit war der Grundstein gelegt für eine sichere und logische Symbolsprache, bei der jedem Wort nur eine Bedeutung zukommt, so wie die Zahl 1 nur 1 bedeuten kann. Daraus folgte das Dualsystem, ohne das die heutige Elektronik und die Funktion von Computern nicht möglich wäre. 1694 stellte er seine nun technisch ausgereifte Rechenmaschine der Öffentlichkeit vor. Damit ließen sich bereits alle vier Grundrechenarten durchführen. Mit einem beweglichen Wagen konnte die Position der einzelnen Stellen verschoben werden. Diese Technik wird auch noch 300 Jahre nach Leibniz von den Konstrukteuren der Rechenmaschinen benutzt.
Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz
   
Der irische Schriftsteller Jonathan Swift erfand das Wort Computer in der erstmals 1704 erschienen Satire "Ein Tonnenmärchen". Darin verspottete er die modernen Gelehrten, die im Unterschied zu den alten Gelehrten nichts lesen und nicht denken, nur alles sammeln. Sie würden Bücher nur hinten studieren, nur in Zusammenfassungen und Registern blättern und daraus viele weitere Bücher machen. 1726 führte Swift in "Reisen zu mehreren entlegenen Völkern der Erde" die riesige Maschine der Großen Akademie von Lagado vor, die angeblich nach sorgfältiger Computation konstruiert worden war und von 40 Studenten bedient wurde. Mit ihrer Hilfe sollte "auch die unwissendste Person" in der Lage sein, "mit mäßigem Kostenaufwand und ein bißchen körperlicher Arbeit auch ohne die geringste Hilfe von Begabung oder Studium Bücher über Philosophie, Poesie, Politik, Recht, Mathematik und Theologie zu schreiben."
Jonathan Swift
Jonathan Swift
   
Matrix der riesigen Maschine der Großen Akademie von Lagado
Matrix der riesigen Maschine der Großen Akademie von Lagado (Jonathan Swift: Ausgewählte Werke, Bd. 3, Berlin u. Weimar 1967, S. 250)
   
Yahoo, der Name einer der größten Suchmaschinen, geht ebenfalls auf Jonathan Swift zurück, und zwar auf den 4. Teil von "Gullivers Reisen", wo die menschenähnlichen Diener der Houyhnhnms beschrieben werden.
Yahoo!
Yahoo!
   
Charles Babbage entwarf 1822 zunächst nur auf dem Papier ein Konzept für eine mechanische Rechenmaschine mit zahlreichen Zahnrädern und Wellen für die Übertragung der Bewegungen. Mit einer Kurbel sollte diese "Differenzmaschine" in Gang gesetzt werden und Zahlenwalzen sollten das Ergebnis anzeigen. 1844 veröffentlichte Babbage das Konzept einer "Analytischen Maschine". Die Konstruktion hatte einen Eingabestrom in Form eines Lochkartenstapels, einen Speicher zur Datensicherung und ein Werk für arithmetische Operationen sowie einen Drucker zur dauerhaften Aufzeichnung von Daten. Babbages modern anmutende Überlegungen wurden von seinen Zeitgenossen als Unsinn aufgefaßt. Auf seine Arbeiten stieß man erst wieder, als die modernen Rechner bereits konzipiert waren.
Charles Babbage
Charles Babbage
   
Bereits zu Beginn der Entwicklungsphase der Analytischen Maschine fand die Begegnung Babbages mit Augusta Ada King, Countess of Lovelace, der Tochter des exzentrischen Dichters Lord Byron, statt. In der Folgezeit entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit, wobei die "Zauberin der Zahlen" die Programme für die Analytische Maschine entwarf. "Die Analytische Maschine," vermerkt sie einmal, "hat keinerlei Streben, irgend etwas hervorzubringen. Sie kann alles tun, wovon wir wissen, wie wir es ihr befehlen." Ada Lovelace kann als erste Programmiererin überhaupt angesehen werden; 1979 wurde ihr zu Ehren eine Programmiersprache auf den Namen ADA getauft. "Alles und jedes steht ganz natürlich miteinander in Beziehung und ist miteinander verquickt," schrieb Ada Lovelace in einer Fußnote zu L. F. Menabrea´s "Skizzen der analytischen Maschine" (1842/43).
Augusta Ada King, Countess of Lovelace
Augusta Ada King, Countess of Lovelace
   
Wahr ist nicht nur: Man kann nicht zweimal im selben Internet surfen, wahr ist vielmehr auch: Man kann nicht einmal einmal im selben Internet surfen.  
   
Nachbemerkung  
   
Der Text wurde nach der beliebten Methode des Ausschneidens und Einfügens (cut & paste) erstellt, ausgenommen der Teil über Jonathan Swift, welcher in altmodischer Manier aus Büchern abgeschrieben wurde. In allen Fällen wurde jedoch gewissenhaft recherchiert, wofür sich der Verfasser eigenhändig verbürgt.  
   
Zeitstimmen der Gegenwart. Zeitung von ida.wien-TeilnehmerInnen für InteressentInnen.
5. Ausgabe / Dezember 2004, S. 7-8
, 652 KB
   
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